„Philips war der innovative Partner und Grundig hatte vor allem finanzielle Probleme“ greift meiner Meinung nach zu kurz. Grundig hatte gerade bei TV und Video eine durchaus beachtliche eigene Entwicklungs-/Patentbasis. Das wird heute gerne vergessen.
Ein schönes Beispiel ist PALplus: Bei den insgesamt 23 Patenten des Projekts gingen laut Grundig selbst 16 auf Grundig zurück. Das war also keineswegs nur eine Philips-Technik, die Grundig anschließend in seine Geräte eingebaut hat.
Auch bei anderen TV-/Video-Technologien (ATTS), Signalverarbeitung, Empfangstechnik und Bedienkonzepten hatte Grundig eigene Entwicklungen und Schutzrechte. Und Magic Fidelity ist ebenfalls ein Grundig-eigenes, geschütztes Konzept .
Natürlich war Philips technologisch ein sehr starker Konzern. Das will ich überhaupt nicht bestreiten. Gerade bei Halbleitern, CD-Technik, Digitaltechnik usw. hatte Philips enorme Kompetenz. Aber die Zusammenarbeit zwischen Grundig und Philips sollte man deshalb nicht als „innovativer Philips + angeschlagener Grundig“ sehen. Beide Seiten brachten Know-how ein.
Interessant wird es gerade beim Thema HiFi.
Die großen Fine-Arts-Geräte der ersten Generation (nicht alle natürlich) waren tatsächlich eine interessante Zusammenarbeit innerhalb des Philips-Konzerns. Der A-9000 war beispielsweise eine Gemeinschaftsentwicklung von Grundig und Marantz. Entsprechende Parallelgeräte gab es als Marantz PM-84 bzw. Philips FA-960. Auch die Tuner-Plattform wurde konzernweit verwendet.
Und genau daran sieht man eigentlich, dass die Sache nicht so einfach war: Grundig war innerhalb dieses Verbundes nicht nur Abnehmer von Technik, sondern auch Entwickler und Produzent.
Gerade die Tuner sind dafür ein gutes Beispiel (DSR). Der Fine Arts T-907 findet sich praktisch baugleich auch als Philips FT-980 und Marantz ST-72 – und diese Geräte wurden bei Grundig gefertigt.
Auch bei den Kassettendecks sollte man genauer hinschauen. Geräte wie CCT-903, CT-905 und CF-Serien waren keine Philips-Rebrands. Grundig hatte hier über viele Jahre eine eigene Entwicklungs- und Fertigungskompetenz. Das ist gerade deshalb interessant, weil man bei der Diskussion über Philips/Grundig sonst schnell den Eindruck bekommt, Grundig hätte nur noch Philips/Marantz-Technik eingekauft.
Der CD-9000 / Röhrenverstärker( A9009) waren z.B. 100% made by Grundig Fürth.
Das eigentliche Problem sehe ich eher in der späteren strategischen Entwicklung.
Grundig war in bestimmten Bereichen der professionellen Elektronik, Messtechnik, CNC-Präzisionstechnik und Automatisierung technisch ausgesprochen weit. Gerade deshalb ist es rückblickend fast paradox, dass man in Teilen der eigenen Unterhaltungselektronikfertigung nicht konsequenter automatisiert hat.
Bei der HiFi-Produktion – beispielsweise in Landau – spielte meines Wissens auch die Sorge eine Rolle, durch stärkere Automatisierung sehr viele Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Das ist menschlich und sozialpolitisch nachvollziehbar. Wirtschaftlich war es aber langfristig ein Fehler.
Und das ist für mich der entscheidende Punkt: Grundig konnte durchaus High-Tech entwickeln. Das Problem war nicht, dass die Ingenieure plötzlich keine Innovationen mehr zustande brachten. Das Problem war zunehmend, diese Innovationen wirtschaftlich konkurrenzfähig in großen Stückzahlen zu produzieren.
Man darf auch nicht vergessen, dass Grundig noch bis weit in die 90er hinein wesentliche HiFi-Komponenten selbst entwickelte und fertigte. Und bei den Tunern war Grundig technisch richtig gut – der T-9000/9009 / T907 ist dafür ein schönes Beispiel. Oder die DAB Tuner (Eureka Project).
Später wurde dann allerdings vieles stärker auf Konzernplattformen, Kostenoptimierung und gemeinsame Gerätebasis ausgerichtet. Das ist betriebswirtschaftlich verständlich, aber genau dort ging meiner Meinung nach ein Teil des ursprünglichen „Made by Grundig“ verloren.
Und da würde ich auch die spätere (Plastik) Fine-Arts-Entwicklung einordnen, speziell ab 1994.
Wobei später wieder die neuen mini HiFi Serien (M-100) in Nürnberg entwickelt wurde und in Bayreuth gefertigt wurde (schöne Geräte
Wenn man sich TV, Video, PALplus, Empfangstechnik, Tuner, Kassettendecks und auch die Fertigungstechnik anschaut, erkennt man noch sehr lange eine ziemlich starke eigene Grundig-Entwicklungsleistung. Obwohl die Entwicklungsteams rel. klein waren. Die Hifi+SVHS Videos im Konzern, wurden bis 1997 kompl. in Nürnberg gebaut.
Dass diese Kompetenz am Ende wirtschaftlich nicht mehr ausreichend genutzt werden konnte, ist eine andere Geschichte.